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Die innere Uhr im Takt halten: Tipps zu Schichtarbeit

11. März 2015

Symbolbild: Innere Uhr

Foto: Harry Hautumm / pixelio.de

Gesundheitliche Auswirkungen von Schichtarbeit und präventive Maßnahmen

Das Personal in Kliniken, Feuerwehrleute, die Polizei oder Straßenwärter: viele Menschen sind im Schichtdienst tätig. Unter Schichtarbeit versteht man regelmäßig wechselnde Arbeitszeiten oder konstant ungewöhnliche Arbeitszeiten, beispielsweise wenn wechselnd früh und spät gearbeitet wird oder in Nachtschicht und am Wochenende.

In Deutschland arbeiten laut Statistischem Bundesamt* von knapp 40 Millionen Erwerbstätigen im Jahr 2013 mehr als 1,7 Mio. Frauen und 3,8 Mio. Männer nachts zwischen 23 Uhr und 6 Uhr morgens. Das entspricht etwa 14 Prozent aller Erwerbstätigen. In Wechselschicht arbeiten insgesamt 5,9 Mio. Erwerbstätige, davon waren über 3 Mio. ständig in Wechselschicht tätig (*Mikrozensus 2014). Die Tendenz zur Schichtarbeit nimmt dabei zu.

Schichtarbeit kann viele gesundheitliche Beschwerden bei Beschäftigten auslösen. Warum das so ist, erforscht Prof. Dr. med. Volker Harth seit 2007. In dem Jahr entschied die Weltgesundheitsorganisation WHO, Schichtarbeit, die mit zirkadianen Störungen einhergeht, als wahrscheinlichen Verursacher von Krebs beim Menschen anzuerkennen. Seit 2013 ist Harth Direktor des Zentralinstituts für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM) sowie Universitätsprofessor für Arbeitsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Das ZfAM gehört zu den fünf wichtigsten Forschungseinrichtungen für Arbeitsmedizin in Deutschland. Es verfügt über eine arbeitsmedizinische Poliklinik sowie fünf klinisch experimentelle Arbeitsgruppen. Geforscht wird unter anderem zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Nacht- und Schichtarbeit und zu psychomentalen Belastungen. Das Institut ist ein versichertes Unternehmen der UK Nord und beschäftigt 30 Mitarbeiter. Volker Harth ist darüber hinaus Koordinator der Leitlinie „Gesundheitliche Aspekte und Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit“ für die AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V.).

Gesundheitsrisiko Schichtarbeit

Bei Schichtarbeiterinnen und -arbeitern kommt es oft zu Schlafstörungen, insbesondere wenn sie nachts arbeiten. Professor Harth erklärt, warum: „Unseren Tagesrhythmus bestimmen größtenteils sogenannte äußere 'Zeitgeber', denen sich auch Nachtarbeiter nicht entziehen können. Dazu gehört in erster Linie das Tageslicht, aber auch soziale und familiäre Kontakte. Außerdem ist der Schlaf am Tag meist kürzer, störanfälliger, nicht so tief und somit insgesamt weniger erholsam, da er oftmals durch die Umwelt gestört wird.“ Auf Dauer kann dies zu einer Störung des zirkadianen Rhythmus führen, die „innere Uhr“ eines Menschen kommt aus dem Takt. Dies beeinträchtigt die Gesundheit der Beschäftigten in verschiedener Hinsicht. „Schlafstörungen und der damit einhergehende Schlafmangel führen zu einer Reihe unspezifischer gesundheitlicher Effekte wie Konzentrationsschwäche, Nervosität und vorzeitige Ermüdung, können aber auch Appetitlosigkeit und Magenbeschwerden auslösen", ergänzt Harth.

Übermüdung erhöht zudem das Unfallrisiko. Es passieren eher Fehler, die zu Unfällen führen können. Oder es kommt zum Sekundenschlaf – besonders gefährlich beim Autofahren. Auf weitere gesundheitliche Auswirkungen der Schichtarbeit weisen verschiedene Studien hin: beispielsweise vermehrte Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus und psychische Störungen wie etwa Depressionen. Die Ursachen für die Gesundheitsrisiken seien noch nicht bei allen Erkrankungen zweifelsfrei ermittelt, so Harth, und bedürfen weiterer Forschung. Dies gelte etwa für den Zusammenhang von Brustkrebs und langjähriger Arbeit in Nachtschichten sowie den Einfluss des persönlichen Chronotypen – also ob man eine sogenannten Lerche (Frühtyp) oder Eule (Spättyp) ist –  auf die Gesundheit von Schichtarbeitern.

Abläufe von Schichtarbeitssystemen hinterfragen

Oft werden einmal eingeführte Schichtsysteme fortgeführt und nicht weiter hinterfragt. Dabei können Arbeitgeber einiges ändern, um die Gesundheit der Beschäftigten zu fördern. Es stehen zahlreiche organisatorische Maßnahmen zur Wahl. „In Deutschland gibt es noch viele Betriebe, deren Schichten rückwärts rotieren“, berichtet Professor Harth. Diese Schichtenfolge könne die innere Uhr der Menschen stören und verkürze die Ruhezeiten zwischen zwei Schichten. Arbeitswissenschaftler empfehlen nachdrücklich, Schichten vorwärts rotieren zu lassen, also in der Folge Früh-/Spät-/Nachtschicht. Dadurch verlängerten sich zumindest die zur Erholung des Arbeitnehmers notwendigen Ruhezeiten. Der Experte regt zum Nachdenken an: 

„Arbeitgeber können erste arbeitsorganisatorische Maßnahmen treffen, so zum Beispiel Aufgaben aus dem Nachtdienst in den Tagdienst umlagern oder den Beginn einer Frühschicht zeitlich nach hinten versetzen. Auch ein Schichtarbeitssystem komplett umzustellen ist durchaus möglich.“ Eine solche Umstellung sei allerdings aufwendig und müsse gut geplant werden. „Dafür benötigt man eine Art 'Coach', der über ausreichende Erfahrung verfügt. Dabei müssen die Sorgen und Wünsche der Belegschaft aufgefangen und Überzeugungsarbeit geleistet werden“, weiß der Arbeitsmediziner. „Die in den etablierten Schichtsystemen Arbeitenden haben ihren Dienstplan meist mühevoll mit ihrer Familie und Freizeit in Einklang gebracht. Jede Veränderung im Schichtsystem wirkt sich daher auch direkt auf die sozialen Beziehungen aus.“ In einen solchen umfangreichen Prozess sollten daher neben Betriebs- bzw. Personalrat auch der Betriebsarzt und das Gesundheitsmanagement eingebunden werden sowie die Fachkraft für Arbeitssicherheit.

Eine ausführliche Liste mit Tipps für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, wie sich Schichtarbeit möglichst gesundheitsverträglich gestalten lässt, finden Sie hier.

Lilian Meyer

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